Fliegen in Afghanistan

Alexander am 19. September 2008 um 07:41

Das Fliegen in Afghanistan ist ein eigenes Thema. Es gibt wohl kaum ein land - afrikanische Randstaaten einmal ausgenommen - in dem unter abenteuerlicheren Bedingungen der Sprung in die Luft gewagt wird.
Zur Zeit gibt es ein paar komerzielle Fluglinien im Land, die meist mit mehr als 30 Jahre alten Maschinen in die Luefte gehen.

    Allen ist gemeinsam, dass sowohl die Abfertigungsbedingungen als auch der Flug selbst oft mit abenteuerlichen Erlebnissen verbunden sind.

    Da wären einerseits die Flughäfen: während Kabul “noch in Ordnung” ist, sind alle anderen Flughäfen im Land wirklich klein, haben löchrige Pisten und Abfertigungsgebäude die in einem Vorstadtbahnhof in Deutschland als “stark sanierungsbedürftig” bezeichnet würden. Da kann man dann durch Gitterzäune hindurch direkt aufs Flugfeld gehen, natürlich alles auf eigenes Risiko.

    Spannend ist das Betanken: da kletter ein alter Mann auf den Flügel und öffnet den Tankdeckel. Eine ganz normale Zapfpistole wird eingesteckt und der Sprit läuft solange, bis der Tank so voll ist das er überläuft. Dann wird der Tankdeckel verschlossen, manchmal auch durch einfaches Schlagen mit dem falschen Ende eines Schraubendrehers. Was übergelaufen ist wird mit einem schmutzigen Lappen notdürftig abgewischt und der gleiche alte Mann geht dann nochmal zu einem letzten “Check” durch den Flieger, welcher danach deutlich nach Kerosin riecht.

    Durch den heftigen Wind und die hochgelegenen Flughäfen sind sowohl Starts als auch Landungen meist sehr holprig und von heftigem Schütteln begleitet. Instrumentengesteuerte Landungen gibt es nicht, alles wird manuell geflogen.

    Die Landebahnen sind aus militärischen Gründen (die meisten stammen aus der Sowjetzeit) um 90° gegenüber der normalerweise üblichen Richtung verdreht, weswegen die Anflüge durchaus schwierig sind und dies durch die Berge noch verschärft wird. Der Anflug verläuft nahezu immer in einer Kurve, die endgültige Richtung wird ganz kurz vor dem Aufsetzen eingeschlagen und dann dauernd nachkorrigiert.

    Dadurch bekommt man ein leicht unsicheres Gefühl. Auch gehen sie sehr spät, dafür aber umso steiler runter. Man denkt immer, es reicht nicht, der Flieger setzt zu spät auf und man schiesst über das Landebahnende hinaus. Doch irgendwie klappt es immer und die Landungen hier sind dann meist weicher als was ich von den grossen Fluglinien kennengelernt habe. Manchmal spürt man das Aufsetzen selbst gar nicht mehr, so nahtlos ist der Übergang.

    Den Besten Flug bislang hatte ich übrigens mit einer sehr alten Antonov 24 RV, einem besonderen Modell welches zum Start ein kleines Düsentriebwerk zur Unterstützung der Propeller einsetzt. Das Flugzeug hat eine beispiellose Pannenstatistik, kommt mit extrem wenig Wartung aus und ist sehr stabil. Nur nicht bequem. Gewöhnungsbedürftig ist die Stichflamme die beim Anlassen aus dem Zusatztriebwerk schiesst, doch es fliegt so weich und ruhig wie kaum ein anderes Flugzeug. Die Landung war das Allerbeste das ich bislang landungstechnisch erleben durfte. Genau am Anfang der Landebahn aufgesetzt, ohne Ruckeln…ganz sanft.

    Eine Schwierigkeit stellt allerdings der Flughafen in Dubai dar. Hier ist meist die Landegeschwindigkeit zu hoch und das Aufsetzen selbst erfolgt sehr spät, so dass das Flugzeug am Ende der Bahn mit hoher Geschwindigkeit in die Kurve gehen muss. Nich so angenehm, man wird durch das heftige Abbremsen sehr stark von den Gurten gehalten.

Zurück in Herat

Alexander am 7. März 2008 um 08:50

Seit Ende Februar bin ich nun wieder zurück in Herat. Der lange, harte Winter hat beinahe kaum Spuren hinterlassen und die Stadt präsentiert sich sonnig und trocken wie gewohnt. Berichten zufolge sollen etwa 1000 Menschen durch die extrem niedrigen Temperaturen von bis zu -25°C und starken Schneefall gestorben sein.
Viele sind so arm, dass sie sich keine Heizungen erlauben können um derartigen Temperaturen zu begegnen. Ausserdem ist dies für die Region Herat der erste Winter seit vielen, vielen Jahren, der so extrem ausgefallen ist. Üblicherweise bewegen sich die Temperaturen knapp um den Gefrierpunkt, doch durch die Kältwelle lagen sie diesmal deutlich darunter.

Doch langsam bessert sich das Wetter und es geht über einen derzeit wundervollen Frühling in den Sommer über…

Konfliktzonenblues

Alexander am 20. Dezember 2007 um 10:51

Eine besondere Form der Melancholie moechte ich heute einmal vorstellen: den Konfliktzonenblues. Es gibt noch keine genauen Informationen darueber, wie dies entsteht, doch es scheint sich um eine Kombination aus beschraenkten Freizeitmoeglichkeiten, staendig anwesendem Wachpersonal und darum das man staendig von Menschen umgeben ist, die einen nicht verstehen zu handeln. Irgendwann gibt der Widerstand im Innern auf und man erliegt - dem Konfliktzonenblues. Generell dauert diese Entwicklung 6-12 Monate und sie tritt langsam ein…

Damit verbunden ist ein Bestreben, nur noch die noetigsten Wege innerhalb der Bevoelkerung zurueckzulegen. Etwas, was sich ein Tourist natuerlich nicht vorstellen kann da fuer ihn alles spannend ist.

STUFE I: Faszination
Diese Stufe ist die, die die meisten nicht ueberschreiten oder ueberschreiten wollen. Sie treten aus dem Flughafengebaeude Kabul ins Sonnenlicht und sind fasziniert von den Dingen, die da passieren. Das ist schon abenteuerlich und alldieweil nichts fuer schwache Nerven, weil alle Normen die uns anhaften auf eine harte Probe gestellt werden.
Auch die Basaare mit ihren herumhaengenden Fleisch und sonderbaren Geruechen werden in die Kategorie “exotisch” eingereiht, ohne dies weiter zu reflektieren. Die Lebensbedingungen in den Unterkuenften werden zunaechst als Abwechslung empfunden und man fuehlt sich ein wenig wie in einem Kinofilm oder einer Reportage.

STUFE II: Realisation
Der Reisende beginnt zu realisieren, dass “das da draussen” wirklich existiert und keine Attraktion ist. Er ist mittlerweile etwa 4-8 Wochen im Land und die Dinge, die ihm zunaechst faszinierend erschienen, sind nun Alltag geworden. Er isst Kebab welches aus dem herumhaengenden Fleisch von den Basaaren mit den seltsamen Geruechen stammt und ist zu Beginn ein wenig ablehnend. Doch dann schmeckt es ihm.
Auch hat er sich nun mit zahlreichen Einheimischen unterhalten und weiss ein wenig mehr darueber, was hier eigentlich passiert ist und noch passiert. Spaetestens in dieser Stufe reisen viele zurueck, da ihnen auch die Gewalttaten aus den Nachrichten nicht entgehen und er es taeglich erlebt.
Die Unterkunftsituation wird bisweilen als nervig empfunden, da alles staendig nicht funktioniert.

STUFE III: Akzeptanz
Die gegebenen Bedingungen werden akzeptiert - wenn auch nicht ohne Einschraenkungen. Der Reisende bemerkt, dass sie nicht zu aendern sind und lebt mit ihnen. Er ist nun etwa 6-12 Monate im Land. Dies ist die Zeit in der er ein wenig nachlaessiger wird, sich jedoch heimische Sauberkeit und Ordnung mehr als alles andere wuenscht. Auch einfach mal frei auf der Strasse herumzugehen wird als Sehnsucht empfunden.
In dieser Stufe kommen viele nicht mehr richtig klar und fangen an, verrueckte Dinge zu machen. Diese Phase tritt nach 4-6 Monaten ein.

STUFE IV: Konfliktzonenblues
In dieser Stufe nimmt man die Bedingungen um sich herum nicht mehr in ganzer Breite wahr, da sie Teil von einem geworden sind. Nur noch die Dinge werden verfolgt, die direkt der Arbeit oder der Existenz dienen. Alles andere wird als gegeben hingenommen um den Kopf frei zu haben fuer diese wesentlichen Dinge.
Reisen werden auf ein Minimum beschraenkt, um nicht die Umgebungsbedingungen die ganze Zeit sehen zu muessen. Bueroarbeit wird eindeutig bevorzugt.