Konfliktzonenblues

Eine besondere Form der Melancholie moechte ich heute einmal vorstellen: den Konfliktzonenblues. Es gibt noch keine genauen Informationen darueber, wie dies entsteht, doch es scheint sich um eine Kombination aus beschraenkten Freizeitmoeglichkeiten, staendig anwesendem Wachpersonal und darum das man staendig von Menschen umgeben ist, die einen nicht verstehen zu handeln. Irgendwann gibt der Widerstand im Innern auf und man erliegt - dem Konfliktzonenblues. Generell dauert diese Entwicklung 6-12 Monate und sie tritt langsam ein…

Damit verbunden ist ein Bestreben, nur noch die noetigsten Wege innerhalb der Bevoelkerung zurueckzulegen. Etwas, was sich ein Tourist natuerlich nicht vorstellen kann da fuer ihn alles spannend ist.

STUFE I: Faszination
Diese Stufe ist die, die die meisten nicht ueberschreiten oder ueberschreiten wollen. Sie treten aus dem Flughafengebaeude Kabul ins Sonnenlicht und sind fasziniert von den Dingen, die da passieren. Das ist schon abenteuerlich und alldieweil nichts fuer schwache Nerven, weil alle Normen die uns anhaften auf eine harte Probe gestellt werden.
Auch die Basaare mit ihren herumhaengenden Fleisch und sonderbaren Geruechen werden in die Kategorie “exotisch” eingereiht, ohne dies weiter zu reflektieren. Die Lebensbedingungen in den Unterkuenften werden zunaechst als Abwechslung empfunden und man fuehlt sich ein wenig wie in einem Kinofilm oder einer Reportage.

STUFE II: Realisation
Der Reisende beginnt zu realisieren, dass “das da draussen” wirklich existiert und keine Attraktion ist. Er ist mittlerweile etwa 4-8 Wochen im Land und die Dinge, die ihm zunaechst faszinierend erschienen, sind nun Alltag geworden. Er isst Kebab welches aus dem herumhaengenden Fleisch von den Basaaren mit den seltsamen Geruechen stammt und ist zu Beginn ein wenig ablehnend. Doch dann schmeckt es ihm.
Auch hat er sich nun mit zahlreichen Einheimischen unterhalten und weiss ein wenig mehr darueber, was hier eigentlich passiert ist und noch passiert. Spaetestens in dieser Stufe reisen viele zurueck, da ihnen auch die Gewalttaten aus den Nachrichten nicht entgehen und er es taeglich erlebt.
Die Unterkunftsituation wird bisweilen als nervig empfunden, da alles staendig nicht funktioniert.

STUFE III: Akzeptanz
Die gegebenen Bedingungen werden akzeptiert - wenn auch nicht ohne Einschraenkungen. Der Reisende bemerkt, dass sie nicht zu aendern sind und lebt mit ihnen. Er ist nun etwa 6-12 Monate im Land. Dies ist die Zeit in der er ein wenig nachlaessiger wird, sich jedoch heimische Sauberkeit und Ordnung mehr als alles andere wuenscht. Auch einfach mal frei auf der Strasse herumzugehen wird als Sehnsucht empfunden.
In dieser Stufe kommen viele nicht mehr richtig klar und fangen an, verrueckte Dinge zu machen. Diese Phase tritt nach 4-6 Monaten ein.

STUFE IV: Konfliktzonenblues
In dieser Stufe nimmt man die Bedingungen um sich herum nicht mehr in ganzer Breite wahr, da sie Teil von einem geworden sind. Nur noch die Dinge werden verfolgt, die direkt der Arbeit oder der Existenz dienen. Alles andere wird als gegeben hingenommen um den Kopf frei zu haben fuer diese wesentlichen Dinge.
Reisen werden auf ein Minimum beschraenkt, um nicht die Umgebungsbedingungen die ganze Zeit sehen zu muessen. Bueroarbeit wird eindeutig bevorzugt.

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